Marokko
oder
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Der Hinflug
Wir, das sind 3 Pilotinnen, ein Pilot und 3 flugbegeisterte Passagiere, haben uns zusammengefunden, um ein Flugabenteuer ins orientalische Marokko zu bestehen. Eine alte Cessna 172 und eine noch ältere DO 27 sollen uns dazu durch die Lüfte schaukeln. Unsere Vorbereitungen sind sehr vager Natur und so wissen wir eigentlich nur, daß wir uns über Südfrankreich, Spanien dem anderen Kontinent nähern wollen. Unerläßlich aber ist die rechtzeitige Besorgung des Kartenmaterials und der Anflugkarten für Marokkanische Flugplätze. Letztere erhalten wir teilweise nur in der IFR-Ausgabe. Weiter VFR wertvolle Mitteilungen und Anflugblätter erhalten wir vom hilfsbereiten und freundlichen AIS-Service in München per Fax. Langfristige Strecken und Flugvorbereitung im voraus sind unserer Erfahrung nach überflüssig. Denn so erweist sich unsere am Tag vor dem Abflug gemachte Vorbereitung für die erste Etappe Leutkirch/Genf als reines Übungsspiel. Das Wetter zwingt uns nämlich die Burgunder Pforte zu nehmen und die Alpen über Basel und das Rhonetal zu umfliegen. Trotzdem wird unser erstes Tagesziel Valence in Südfrankreich nicht erreicht. Eine Gewitterfront versperrt uns hinter Lyon den Weg und zwingt uns in Lyon-Bron zum Landen. Kurz nach der Landung einsetzender Gewitterregen bestätigt die Richtigkeit unserer Entscheidung. Die morgendliche Bewölkung des nächsten Tages weicht ziemlich rasch einem blauen Himmel. Die Küste Südfrankreichs zieht unter einem leichten Dunstschleier unter uns hinweg. So gestaltet sich der Weiterflug bis Gerona unproblematisch. Funk, Anflug und Landung in Gerona vollziehen sich in müheloser Leichtigkeit, die uns selbst ins Staunen bringt. Die Verständigung im Funk auf Englisch klappt gut. Trotz seiner Größe sind wir die einzigen in der Kontrollzone. Der ganze Flugplatz scheint wie ausgestorben, die Hallen sind Menschenleer, nur die sogenannten Amtsträger üben Ihre Pflicht aus: Pässe werden kontrolliert, die nicht unerheblichen Landegebühren werden erhoben, die obligatorischen Flugpläne entgegengenommen. Der Tip mit dem billigen, da kommerziellen Benzin aus einem der Fliegermagazinartikel erweist als grundsätzlich falsch. Billiges kommerzielles Flugbenzin ist nur erhältlich gegen Vorlage des Berufspilotenscheines und entsprechendem Eintrag im Flugplan. Nur in kleineren Flugplätzen mag dieser Trick auch ohne diese Formalitäten erfolgreich sein. Nach dem Auftanken setzen wir unseren Flug in Richtung Valenzia, unser heutiges Tagesziel fort. Bei einer leichten 2/8 Bewölkung fliegen wir in knapp 5000 Fuß "on Top". Nach etwa einer Stunde Flugzeit wurde die Bewölkung immer dichter. Wir entschieden uns, unseren Flug unterhalb der Wolken weiterführen, das hieß in ca. 800 Fuß über dem Meer zu fliegen, da die Wolkenuntergrenze bei ca. 1100 Fuß lag. In den späten Nachmittagstunden sehen wir unter uns das Häusergewirr einer Großstadt, Valencia. Dank des am Flugplatz vorhandenen Anflug-NDB überflogen wir zielstrebig dieses Häusergewirr in Richtung Flugplatz. Ein paar mickrige Mandarinenbäumchen sind vor dem Flugplatzgelände abgestellt, um südlichen Flair zu verbreiten. Doch die Hitze und die Anspannung unseres heutigen Flugtages lassen uns nicht mehr anspruchsvoll sein. Dusche, Bett nein vorher noch Essen ist alles, was wir uns für heute noch wünschen. Unser Tatendrang reicht gerade noch zu einem nächtlichen Spaziergang, der uns an prachtvoll beleuchteten Kirchen, Palästen und Plätzen vorbeiführt. Valencia wäre also wert, ein paar Tage hier zu verweilen, doch... Marokko ruft. Die nächste Flugetappe bringt uns diesem Ziel ein gutes Stück näher. Die Ausläufer der Sierra Nevada werden überflogen und geben uns schon einen Vorgeschmack auf Marokko. Karges, wüstenähnliches Bergland bietet sich unserem neugierigen Blick. Flüsse sind keine blau schimmernden Bänder in der Landschaft, sondern grau-braune vertrocknete Einkerbungen. In unmittelbarer Küstennähe nehmen wir verblüfft eine surreal aufgeblähte, graue Plastiklandschaft wahr: erst allmählich kommt uns die Erkenntnis, daß wir eben einen der größten Gemüsegärten Europas überfliegen. Nach einem ziemlich gleichförmig, ereignislosen 2stündigen Flug landen wir in Almeria. In Erinnerung blieb nur die glühende Hitze, die über dem grauen Fluggelände lag. Wie eine verlockende, aber unerreichbare Fata Morgana lockt wenige Meter hinter dem Gelände das blau schimmernde Meer. Doch auch das vollklimatisierte Flugplatzgelände kann uns nicht halten, wir wollen heute abend den afrikanischen Kontinent betreten. Tetuan als Ziel scheidet aus, da wir nicht eindeutig herausbekommen, ob es dort Flugbenzin gibt. Solchen Unsicherheiten setzen wir uns erst gar nicht aus, und so werden wir Tanger anfliegen. Mit kräftigem Rückenwind unterstützt fliegt im wahrsten Sinn des Wortes die Costa de Sol unter uns hinweg. Die swimmingpoolbestückte Villenlandschaft Marbellas ist der letzte navigatorische Haltepunkt in Spanien und dann geht es in den Abenddunst des Meeres hinaus. Für mich schon ein mulmiges Gefühl, und die vor uns herfliegende DO ist für kurze Zeit der visuelle Rettungsanker. Verschwommen taucht der Affenfelsen von Gibraltar rechts auf, einen kurzen Blick auf die Landebahn von Gibraltar und dann nur Meer, Dunst, Wolkenberge ...oder sind es bereits die Rifberge Marokkos? Wahrlich nur kurz ist die Zeitspanne, in der man im nebulösen Blaugrau dahinfliegt. Doch trotzdem fällt mir ein Stein vom Herzen, als sich zeigt, daß die Wolkenberge keine flüchtigen Phantasien sind, sondern reale Bergketten. Nur allzu real sind leider auch die Turbulenzen, die uns jetzt in Küstennähe erfassen. Sie künden von einem deftigen Gewitter, das sich über den Bergen entlädt. Gott sei Dank ist der Flugplatz von Tanger in Küstennähe, und ein Direktanflug über das Meer bei böigem, 28 knoten starken Gegenwind beschließt den heutigen Flugtag. Herzklopfen und etwas weiche Knie gab es heute dabei als Dreingabe. Dem Funk war nicht zu entnehmen, daß wir dabei unseren vertrauten europäischen Kontinent verließen. In klarem, verständlichem Englisch erhielten wir unsere Anweisungen.

Tanger
Kaum krabbelten wir aus unseren Fliegern, eilt ein freundlich lächelnder, mit kleinem Schnurrbart geschmückter Herr auf uns zu: er sei eben auch mit einer kleinen Cessna, aus Fes kommend, gelandet, und unsere freundlich klingenden weiblichen Stimmen am Funk hätten ihn neugierig gemacht. Er scheint am Flugplatz kein Unbekannter zu sein, und unter seiner freundlichen Führung landen wir bei der Luftaufsicht. Dort wartet eine noch größere Überraschung: Die beiden Pilotinnen der DO können begeistertes Wiedersehen feiern, mit dem Herrn der Luftaufsicht. Dieser kann sich noch gut an die beiden erinnern, als sie letztes Jahr erstmalig Tanger anflogen. Jeder in unserer Gruppe ist überrascht, mit welch ehrlicher Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit wir hier in Marokko empfangen werden. Und diese höfliche Dienstbereitschaft verhilft uns sogar zu einem guten Hotel. Spätestens beim Betreten der Abfertigungshallen wird uns jedoch bewußt, daß wir eine andere, orientalische Welt betreten haben. Männer und Frauen sind in einer nicht erwarteten Häufigkeit in die islamische Kleidertracht gehüllt. Djellabas, Kaftans und verschleierte Frauen beherschen das Bild. Exotischer Gaumen und Ohrenschmaus erwartet uns dann abends in einem marokkanischen Restaurant. Bei Couscous, Pastillia, Kebab, geschmortem Hähnchen und Lammfleisch genießen wir ein wahrhaft marokkanisches Festessen. Als wir am nächsten Morgen zum Flugplatz kommen, liegt ein undurchdringlicher Nebelschleier über der Bahn. Doch unbeirrt davon wenden wir uns wieder an den freundlichen Herrn des Vortages und lassen uns dort bei der Luftaufsicht über den besten Weg nach Fes beraten. Wir erfahren hier, daß nur zwei Routen möglich sind. Die Küste entlang, wobei bestimmte Pflichtmeldepunkte der Cassablanca Luftkontrolle zu melden sind. Die andere Route geht direkt über das Rifgebirge auf Fes zu. Mitten in diese Besprechungen platzt ein marokkanisches Notam: Für den 25.8. ergeht ein Verbot für die Route Rabat-Ifrane, da sie heute vom König benutzt wird. Damit ist für uns nun die Küstenroute unmöglich geworden, denn wir kommen diesem verbotenem Gebiet zu nahe. Mit einer weiterhin freundlichen, aber eindringlichen Bestimmtheit wird uns erklärt, entweder Route 2 oder wir können Fes für heute vergessen. Erst allmählich wird uns klar: kein Abweichen von dieser Route ist erlaubt; der Herr der Luftaufsicht überprüft sogar den von uns berechneten Kurs. Wetterbedingtes Abweichen wie auch navigatorische Irrflüge sind uns nicht gestattet, in beiden Fällen müssen wir sofort wieder Gegenkurs Tanger wählen. Bei Nichtbeachtung dieser Vorgaben hätten wir mit dem Verlust der Pilotenlizenz zu rechnen. Und das darüber hinaus in Aussicht gestellte dunkle feuchte Zimmer für uns Sieben einschließlich ihm selber erscheint uns allmählich doch kein Scherz mehr oder Übertreibung zu sein. Auf dem Flugplan müssen wir ihm die Kenntnis von Notam 132 schriftlich bestätigen und ein von ihm höchstpersönlich eingetragener roter Strich in unsere Karten markiert das Sperrgebiet. Trotzdem wagen wir den Flug. Das Wetter hat uns die "Freigabe" für den Überflug über das Rifgebirge erteilt, und ausgerüstet mit GPS, VOR und einer ziemlichen Sicherheit in terrestrischer Navigation trauen wir uns auf den Weg. Kurz nach dem Start werden wir angewiesen, mit Cassablanca Funkkontakt aufzunehmen. Nachdem wir einige Male unsere Positionsmeldungen abgegeben haben , Radial 161 Vor Tanger, 79 Nm vor Fes, 42 Min. vor Fes, - die vom GPS ausgespuckte Daten wirken nun mal sehr professionell- haben wir Ruhe. Die terrestrische Navigation macht zudem trotz aller Bedenken ebenfalls wenig Mühe. Die in der Karte eingezeichneten Flüsse sind ganzjährig in Betrieb und damit deutlich erkennbar. In dem wenig besiedelten Rifgebirge sind zudem die Ortschaften weitere Orientierungshilfen und dienen zur Unterstützung der Navigation. Doch unsere verläßlichste Hilfe ist uns das GPS, das uns nicht im Stich läßt und uns permanent Groundspeed, Abweichung vom Kurs Entfernung und benötigte Zeit bis Fes liefert. Das Rifgebirge ist aus unserer Vogelperspektive ein karges ockerfarbenes Bergland. Brauntöne aller Schattierungen von rotbraun bis ocker sind vorherrschend. Magere Steppenlandschaften umgeben die kleinen Ansiedlungen, die sich farblich unauffällig in die braune Landschaft einfügen. Wir nähern uns nach ca. 90 Minuten einem Hochplateau, das zerklüftete Rifgebirge öffnet sich zu einer weiten Ebene. Die Farbskala Ocker-Braun-Rot ist unverändert. Eingerahmt von sanften, aber kahlen Hügeln breitet sich in der Senke ein unübersichtliches Häuserwirrwarr aus, hinter dem das graue Band der Landebahn sichtbar wird. Der erste Eindruck von oben ist eigentlich: Was zum Teufel suchen wir in dieser öden Steppe? Wer oh Gott hat dieses Reiseziel ausgesucht? Doch solche Gedanken werden abgedrängt durch die notwendigen Aktivitäten beim Funk, Landeanflug und Landung. All das klappt wieder mit einer mühelosen Leichtigkeit, die uns selbst erstaunt. All die Probleme, die man bei Auslandsflügen erwartet, und die einem oft eindringlich in einschlägigen Reiseberichten beschrieben werden, sind bisher nicht aufgetaucht. Trotz der etwas abenteuerlich anmutenden Umstände beim Abflug gestaltete sich der Flug ruhig, korrekt und ohne Zwischenfälle.

Fes
Kaum haben wir die für Marokko obligatorischen Meldezettel ausgefüllt, wandelt sich die Freundlichkeit in herzliche Neugier. Vor allem die Tatsache, daß Frauen Pilotinnen sind, löst zunächst verwunderliches, aber eindeutig anerkennendes Lächeln aus. Auch die Frage, wie 4 Frauen 3 Männer zuzuordnen sind, beschäftigt sie. Das vom Reiseführer erwähnte Hotel Les Merinides erfährt ihre volle Zustimmung und erweist sich wirklich als Volltreffer. Geschmackvoll und erlesen ausgesuchtes Interieur, gepflegter Swimmingpool und eine schier atemberaubende Aussicht: Der Blick fällt auf die wuchtige Stadtmauer, die die verwinkelt verschachtelte Altstadt Fes el Bali umschließt. Das Nachmittagslicht taucht das Häusergewirr in einen warmen märchenhaften Goldschleier, der rhythmisch durch die schmalen hohen Minarettürme unterbrochen wird.
Gegen Abend betreten wir unter Führung eines Berbers diese Zauberwelt. Die exotische Welt des arabo-islamischen Mittelalters breitet sich vor unseren staunenden Augen aus. Wir tauchen in ein Konglomerat von verwinkelten Gäßchen mit wimmelnden Menschenmassen, Packeseln, Handkarren, Ladenzeilen, Werkstätten. Inmitten des Gassenlabyrinths erhaschen wir flüchtig einen Blick auf die Innenräume der Moscheen. Wie unerwünschte Zaungäste drücken wir uns neugierig an die oft reich verzierten Prunktore, um in die mosaikgeschmückten Steinhöfe zu spähen. In Marokko ist nämlich den Ungläubigen der Eintritt in ihre Gebetsstätten verwehrt. In den großen teils marmorausgelegten Hallen versammeln sich die Gläubigen, die sich nach den 5 rituellen Waschungen zum Gebet niederlassen. Mit uns vor den Toren warten Gruppen von Frauen und Kindern, denn Männer und Frauen dürfen sich nicht zum gemeinsamen Gebet versammeln. Wir werden durch die Gäßchen gespült, wie ein Fremdkörper, der sich nicht mit dem übrigen Menschenstrom vermischt. Trotzdem geht von der Medina keine Bedrohlichkeit aus. Eher gleichgültig streift einen der Blick, manchmal berühren dich neugierige Kinder- und Frauenhände. Der Ort strahlt inmitten der betriebsamen Geschäftigkeit, die die kleinen Handwerker und Händler verbreiten, eine seltsame Gleichförmigkeit und Ruhe aus. Seit Jahrhunderten scheint hier die Welt stehen geblieben zu sein, die gleichen, von jeher vorgegebenen Handgriffe und Rituale beherrschen den Alltag, die strenge Duftkulisse aus Farben, Gewürzen, Tieren, das dichte hektische Treiben. Ein träger Strom der Zeit, in den sich das einzelne Menschenleben einreiht, sich vollzieht, stirbt, aber der Pulsschlag des Lebens weitergeht, unberührt vom kleinen Menschenschicksal. Doch solch weltabgewandte Betrachtungen werden die wenigsten um mich herum anstellen. Umgeben uns ja nicht islamische Schriftgelehrte, sondern geschäftstüchtige Kaufleute. Wehe, sie erahnen bei einem Touristen nur Interesse an der ausgelegten Ware. Schon wird man verwickelt in Kaufverhandlungen und ihre Hartnäckigkeit hat meist Erfolg. Und so sind die wenigen Touristen zudem erkennbar, an den mehr oder weniger großen Paketen, in denen sie Kunsthandwerkliches wie Keramik, Teppiche, Metallarbeiten durch die Medina schleppen.

Nach Ifrane
Nach 2 Tagen brechen wir eher wehmütig unseren Aufenthalt in Fes ab, um einen Ausflug in den Mittleren Atlas zu machen. Aber schließlich wollen wir die in den Reiseführern als "hübsch, hügelig und grün" gepriesene Landschaft sehen. Wir verlassen also mit 2 Mietautos Fes in Richtung Ifrane. Eher ungläubig sehen wir in die unverändert bleibende braune Landschaft und warten auf die Veränderung. Wann auch immer der Mittlere Atlas eine "liebliche, den Schweizer Alpen vergleichbare Landschaft" ist, zu dieser Jahreszeit jedoch nicht. Lediglich grau-grüne Olivenplantagen unterbrechen das Braun. Um Sefrou gesellen sich dann doch noch einige Obstplantagen hinzu. Doch der ursprüngliche Eindruck bleibt erhalten: karg, steinig, braun. Wir begeben uns auf die "klassische" 5 Seen-Tour und erweitern dadurch unseren Eindruck erheblich: inmitten karg-steinig-braunen Hügeln liegen grün-braune Spiegelflächen. Manche dieser Seen liegen in einer vegetationslosen Mondlandschaft, manche sind umsäumt mit einem matten Schilf- und Wiesengürtel. Ersteres Bild überwiegt jedoch. In diese Steppenwüste eingestreut sind bewässerte Feldanlagen, auf denen Mais und Hirse angebaut werden. Doch es bedrängt einen das Gefühl, daß hier mehr Steine als Früchte geerntet werden können. Flache niedrige Hütten deuten auf spärliche menschliche Besiedlungen, zottige Mulis und magere Ziegen sind die für uns einzig sichtbaren Vertreter der Tierwelt. Neugierige Kinderaugen lugen manchmal hinter Fenster- oder Türöffnungen hervor. Rumpelnd, knatternd, schnaufend quält sich unser R 4 von einem Schlagloch ins andere, lange Staubfahnen hinter sich herziehend. Wie durch ein Wunder übersteht der diese Tour -75 km, Zeitbedarf fast 4 Stunden- ohne sich in seine tausend Einzelteile zu zerlegen. Kurz vor Ifrane rücken mächtige Zedernwälder an unsere Staubpiste heran. Schwarze Nomadenzelte unterbrechen die Einsamkeit , Frauen, die sich um ein schlammiges Wasserloch sammeln, um in großen Kanistern Wasser in ihre Behausungen schleppen, lassen die Mühseligkeit des Überlebens in dieser fast menschenfeindlichen Gegend ahnen. Doch das zähe Ringen mit der Natur läßt noch Raum für eine freundliche Neugier, für ein scheues Lächeln, für ein zaghaftes Winken. Immer häufiger treffen wir solche Gruppen und bald biegen wir auch auf eine Teerstraße, die uns auf die Nähe einer größeren Stadt hinweist. Wir zockeln also Ifrane entgegen, denn nur geringe Geschwindigkeiten können wir unserem R 4 abschmeicheln und stolpern so ....in eine Polizeisperre. Fünf, mit Maschinenpistolen bewaffnete Uniformen zwingen uns zum Stopp, ein quer über die Straße gelegtes Nagelband hat zudem ebenfalls einige Überzeugungskraft. Mit militärischer Autorität fordert man unsere Pässe, fragt nach dem woher und wohin. Sie wollen uns nicht abnehmen, daß wir uns, aus Fes kommend, aus dieser Richtung Ifrane nähern konnten. Wir Touristen müssen erst auf der Karte den Marokkanern den Beweis antreten. Die Strenge bröckelt allmählich ab und weicht einem Schmunzeln. Unser gesamtes Auftreten, einer von uns entsteigt lavendelgeschmückt dem Auto, die Naivität unserer Antworten, scheint sie vollends zu überzeugen: Sie haben hier leicht verrückte, aber harmlose Touristen vor sich. Das ganze weitet sich sogar noch zu einem deutsch-marokanischem Freundschaftstreffen aus, indem wir unsere Szene fotographisch festhalten und Adressen austauschen. Jetzt erfahren wir auch den Grund dieses Einsatzes: der König weilt in seinem Jagdschloß in Ifrane. Per Funk wurde scheinbar unsere Unbedenklichkeit weitergegeben, denn wir passieren auf dem Weg ins Zentrum ungehindert mehrere solcher Sperren. Ifrane, der marokkanische Luftkurort überrascht uns mit spitzgiebligen Häusern, Blumenrabatten, begrünten Parkanlagen. Unser Hotel, das sich hochtrabend und heuchlerisch Grandhotel nennt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als grandiose Bruchbude. Dem Baustil, inklusive dem künstlichen Kamin, entsprechend würde man es zudem eher im Schwarzwald als mitten in Marokko vermuten. Erst langsam begreifen wir die Besonderheit dieses Ortes : es sind die Brunnen und künstlichen Wasserfälle, die die Faszination hier ausmachen. Erst unsere Staubfahrt mitten durch karge Steppe hat uns sensibel für diese Erkenntnis gemacht und die Bedeutung von Wasser gelehrt. Wasser - Symbol des Lebens und des Wohlstands. Dieses in einem Wüstenstaat knappe Lebenselement plätschert hier in verschwenderischer Weise. Wer dem Land dieses segensreichen Lebensborn beschert, bleibt nicht im Verborgenen: hinter vielen Wasseranlagen strahlt, mit Scheinwerfern beleuchtet, das Konterfei des Königs. Und somit werden die Wasserspiele sogar zu Trägern einer politischen Botschaft. Doch trotz der ganzen Symbolträchtigkeit ist es für die meisten einfach ein Ort des Flanierens. Zumeist zu kleinen Grüppchen geformt, bummeln die Marokkaner plaudernd und lachend durch dieses kleine Paradies. Man sieht in offene, freundliche Gesichter, die uns mit unverhohlener Neugier als Touristen erkennen und anlächeln. Die Heiterkeit von Menschen ist spürbar, die dem grauen Alltag für einige Zeit den Rücken kehren können. Anzunehmen, daß sich diesen Luxus nur die Wohlhabenderen leisten können. Zumindest lassen Kleidung -die übrigens auffallend europäisch ist -und die satte Zufriedenheit der Gesichter diese Vermutung aufkommen.
Am nächsten Morgen verlassen wir jedoch dieses "marokkanische Baden-Baden" und stolpern mit unserem Auto wieder Fes entgegen. Wir haben am Abend zuvor einen Entschluß gefaßt: ehe wir über die Algarve heimfliegen, wollen wir noch einen dritten Flugplatz in Marokko anfliegen. Unser Ziel ist Al Hoceima. Um dorthin zu gelangen, steht ein kleiner Wüstenüberflug bevor. Abenteuer - wir kommen.

Über die Wüste
Von Fes, am Nachmittag startend, geht es ostwärts Richtung Algerien. Links die Ausläufer des Rifgebirges, unter uns das selbst aus 6000 Fuß deutlich erkennbare Asphaltband des Hauptverbindungsweges nach Taza und Guercif. Die karge Steppen und Bergwüste weicht hinter Taza einer Sandwüste. Sanfte, abgerundete Sanddünen falten und wölben das Gelände auf. Das weiche Nachmittagslicht legt sich schmeichelnd über diese Wellenlandschaft. Hinter Taza ist unser Wendepunkt - natürlich GPS programmiert - erreicht und wir schleichen uns um die näher rückenden Bergketten. Plötzlich wird unsere Cessna von heftigen Turbulenzen erfaßt. Ein Sog von Auf- und Abwinden sorgt zudem für extreme Bewegungen in der Vertikalen. Ein gefühlvolles Spiel mit dem Motor ist notwendig, um zu verhindern, daß wir bei plötzlichem 1200 Fuß Sinken nicht in den roten Geschwindigkeitsbereich kommen. Auch das Abwürgen der Geschwindigkeit bei ebenso extrem plötzlichen Steigen kann nur durch schnelles Reagieren ausgeglichen werden. Ein Vergleich der vom Fahrtmesser angezeigten Geschwindigkeit mit der vom GPS errechneten Groundspeed weist auf ca. 40 Knoten Rückenwind hin. Vom Boden steigen deutlich sichtbare Sandwirbel auf. Diese Sandsäulen steigen sogar bis zu unserer Flugfläche 75 auf und wir hören das prasselnde Geräusch des auf die Cessna trommelnden Sandes. Dieser Spuk endet ebenso plötzlich wie er gekommen ist, und nur der rote Staub auf der Cessna erinnert in Al Hoceima an diesen Sandsturm. Hier nun -kaum gelandet- stürmt eine bewaffnete Militär- oder Polizeitruppe heran. Barsch und furchteinflößend geben sie ihre Anweisungen. Pässe vorzeigen, Koffer öffnen, Kofferdurchsuchen sind eins. Noch auf keinem Flugplatz passierte uns ähnliches. Doch ja, wir waren am Rande des Rifgebirges, erste Adresse für Haschischschmuggel. Auch hier zerstreut unsere touristische Unbefangenheit bald Ihre Bedenken. Al Hoceima wirkte aus der Luft wie eine seltene Perle: grellweiße Architektur umschlossen vom Blau des Meeres. Doch kaum verließen wir diese Vogelperspektive, erweist sich dies alles als heuchlerische Tarnung. Denn aus der Nähe betrachtet sind wir in einem wahrhaft schmuddeligen Ort gelandet. Die Suche nach einem romantischen Fischrestaurant führt uns in ein dreckiges Hafenviertel. Nur verblendete Sozialromantik mag darin ihren Reiz finden. Welch ein Glück, morgen sind wir an der Algarve, so denken wir ahnungslos und so träumen wir bereits von köstlichen Fischgerichten in malerischen Fischerstädtchen.

An der Algarve
Bei traumhaftem Flugwetter starten wir am nächsten Tag. Blauer Himmel, dekorativ mit weißen Wattewölkchen durchzogen, liegt über der Meeresenge. Die afrikanische, spanische sowie portugisische Küste hebt sich in scharfen Konturen vom Meer ab. Ein unvergeßliches Glücksgefühl steigt in einem auf und brennt diese Bilder tief in unserer Erinnerung ein. Während dieses zweistündigen Fluges nach Jerez bleibt unseren Augen und Gefühlen viel Zeit, diese einmaligen Eindrücke aufzunehmen. Nach einem weiteren Zwischenstopp in Faro landen wir in Portimao, vom Controller in Faro begleitet, einem kleinen unbesetzten Flugplatz. Die LTU-Bomber in Faro hätten uns eine Vorwarnung sein sollen, daß wir uns touristisch besetztem Gebiet nähern. Hinter der vielgerühmten Steilküste bereitet sich kommerzieller Schrecken aus. Vielstöckige betonierte Touristenbunker säumen eine künstliche Restaurantstraße. Hier gute portugisische Küche zu finden, grenzt an schiere Unmöglichkeit. Unserer Kontakte mit diesen kulinarischen Einrichtungen lösen neben der sich allmählich breit machenden Depression Magenverstimmungen aus. Und so haben wir unsere ersten krankheitsbedingten Ausfälle nicht in Marokko, sondern hier an der Algarve zu verzeichnen. Ein unscheinbares von Einheimischen besuchtes Lokal erweist sich als zufällige, aber kulinarisch zufriedenstellende Entdeckung. Doch Portugal wartet mit weiteren für uns negativen Erfahrungen auf. Da dieses Land nur über drei Zollflughäfen verfügt, entscheiden wir uns leichtsinnigerweise für Porto. Wer dröhnenden Verkehrslärm, graue Häuserfassaden, stinkende Luft und ungenießbares Essen liebt, ist hier gut aufgehoben. Das im Reiseführer empfohlene Restaurant schlugen wir leider aus, und vertrauten unserem Glück. Dies war vermessen und leichtsinnig. Und so bleibt uns Porto als eine Stadt in Erinnerung, die vom Glanz vergangener Tage träumt.

Der Heimflug
Obwohl wir uns streng geographisch genommen, bereits seit Fes auf dem Rückweg befinden, haben wir gefühlsmäßig erst ab Porto die Heimreise angetreten. Über Santander -übrigens wegen einem ungemein freundlichen, deutsch! sprechendem Controller sehr empfehlenswert, geht es nach Südfrankreich, nach Pau. Der Platz liegt wundervoll gelegen an der Südkette der Pyrenäen. Das reizendes altes Städtchen wird überragt vom mächtigen Schloß der Herzöge von Navarra. Idyllische Plätze, verwinkelte Gäßchen laden zum Bummeln ein und wollen entdeckt werden. Selbst das nun einsetzende Regenwetter kann den Charme dieser Stadt nicht zerstören. Dekorativ zieht der Nebelschleier durch die Straßen und überläßt es der Phantasie, die traumhafte Bergkulisse der Pyrenäen zu gestalten. Zwei Tage Regen, 2-tägiges Warten am Flugplatz auf Wetterbesserung. Zwei Tage sind wir eingebunden in den Alltagsrythmus eines kleineren Flugplatzes. Die von örtlichen Liniendiensten ausgespuckten Passagiere füllen in periodischen Abständen kurzfristig den Flugplatz mit Leben. Diese kurzfristige Hektik weicht jedoch ebenso regelmäßig gähnender Leere. Für eine kleine Abwechslung sorgte der "Super Guppy", mit welchem Einweisungen geflogen werden. Am zweiten Tag verlassen uns unsere Passagiere entnervt mit dem Zug über Paris in Richtung Heimat. Der Wetterfrosch versprach uns für Samstag nachmittag Besserung. Doch welch ein Glück daß er irrte. Bereits am Morgen schien die Sonne. Bei wolkenlosem Himmel setzten wir unseren Flug in überflogen wir die südfranzösiche Küste und der Mistral beschert uns eine spannungsreiche Landung in Avignon. Schließlich sind 38 Knoten Wind in Verbindung mit hervorragender Thermik kein Pappenstiel. Nach einer kleinen Pause verbunden mit Auftanken und den üblichen Zollformalitäten machen wir uns auf den weiteren Weg nach Lausanne. Rita mußte auf dem Taxiway das Heck der DO 27 halten, denn die Maschine wollte sich immer in den Wind drehen. Auch unsere Cessna wurde hier zu einem STOL-Flugzeug. Nach dieser Aufregung mit dem Mistral treten wir unsere letzten Flugetappen an. Ein phantastisches Alpenpanorama bei prächtigstem Wetter zieht unter unseren Tragflächen durch. Ein großartigerer Abschluß ließe sich für unsere Reise kaum denken. Die Grandiosität dieser Landschaft ist fast wie ein Spiegelbild unserer eigenen Stimmung. Satt und zufrieden, sind wir angefüllt mit einer Unzahl von Bilder und Erlebnissen. So schön auch der Flugplatz und die Stadt Lausanne waren, uns zieht es nun mit Macht nach Hause. Friedichshafen, Zollflugplatz Leutkirch, Straubing. Endlich hören wir wieder die vertraute Stimme von Ernst-Georg am Funk. Noch nicht einmal am Boden, breitet sich ein wohliges Gefühl der Geborgenheit aus.
Wieder zuhause zu sein war sicher schön, aber bei unserer fünf Länder Ralley hatten wir nie das Gefühl, ein unerwünschter und mißliebiger Ausländer zu sein. Gerade die Marokkaner begegneten uns mit einer unvoreingenommenen Herzlichkeit. Dazu möchten wir ein kleines Ereignis am Rande schildern: Auf einer Fahrt mit unserem Mietwagen durch das Straßenwirrwarr von Fes verloren wir die Orientierung und hielten am Straßenrand. Wir studierten kaum zwei Minuten die Straßenkarte als ein junger Marokkaner sich nach unserm Problem erkundigte und seine Hilfe anbot.
Ich wünschte mir nur, daß jeder Ausländer in Deutschland ähnlicher Hilfsbereitschaft begegnen möge.

©
Andrea Kampf 1992